Neusprech
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Neusprech (engl. Newspeak, dt. auch Neusprache) ist eine Bezeichnung für eine aus politischen Gründen abgeänderte Sprache. Mit dieser neuen, künstlichen Sprache, genannt Neusprech, versuchen Machthaber, die Bevölkerung in ihrem Sinne zu manipulieren und Widerstand im Wortsinne un-denk-bar zu machen. Neusprech ist der politisch-korrekte Sprachgebrauch in einer Diktatur. Dort wird mit einer Gedankenpolizei der falsche Gebrauch der Sprache als Gedankenverbrechen verfolgt.
Neusprech ist ein Begriff aus dem Roman "1984" von Georg Orwell[1], in dem die Dystopie eines totalitären Überwachungs- und Präventionsstaates im Jahre 1984 dargestellt wird. Protagonist der Handlung ist Winston Smith, ein einfaches Mitglied der Partei, das sich den widrigen Umständen zum Trotz seine Privatsphäre[2] sichern will. Dadurch gerät er in Konflikt mit dem System, das ihn einer Gehirnwäsche unterzieht. Der Roman "1984" erinnert an die stalinistischen Säuberungen Mitte des 20. Jahrhunderts und zeigt, wie wichtig Sprache als Grundlage des Denkens ist: Worte symbolisieren Begriffe und ihre Bedeutungswelten.
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Eckpunkte der Ideologie
Ein elementares Konzept der Partei zur Kontrolle der Gedanken ist die Kontrolle der Vergangenheit. Deshalb wird im Ministerium für Wahrheit[3] ein gigantischer Aufwand betrieben, alle existierenden Dokumente der gegenwärtigen Parteilinie anzupassen. Von der "Partei" oder dem "Großen Bruder" geäußerte Voraussagen z.B. zur Güterproduktion oder dem Kriegsverlauf werden an die tatsächlich eingetretenen Fakten angepasst, damit "die Partei immer recht hat". Niemand soll in der Lage sein, aufgrund von historischen Dokumenten Aussagen der Partei zu widerlegen.
In Orwells Welt führen die drei Supermächte nur noch begrenzte Kriege an der Peripherie. Es genügt ihnen, um die Bevölkerung dazu zu bewegen, sich mit Armut und Mangel infolge des "Kriegszustandes" zufriedenzugeben. Um zu unterstreichen, dass die Bevölkerung sich mit dem Zustand zufriedengeben kann (und muss), verbreitet die Partei den Slogan "Krieg ist Frieden", wobei Frieden der stets erwünschte und zu erreichende Zustand ist, der regelmäßig in der "Berichterstattung" in "greifbare Nähe rückt". Allerdings vermuten die Protagonisten im Zuge des Romans irgendwann, dass möglicherweise die Regierung selbst Bomben abwirft, um die Gegenwärtigkeit des Kriegs aufrechtzuerhalten.
Zwiedenken (in neueren deutschen Ausgaben: Doppeldenk) ist eine zentrale These des Romans. Wenn die Partei sagt, 2 + 2 = 5, dann ist es so. Es genügt auch nicht, es nur zu sagen und dabei zu lügen, sondern man muss es wirklich glauben. Die Partei kontrolliert die Gedanken, wenn die Partei sagt 2 + 2 = 5, dann glauben es die Menschen, und wenn die Menschen es glauben, dann ist es so. Andererseits wird von O'Brien gegenüber Winston eingeräumt, dass es für wissenschaftliche Zwecke u. ä. manchmal schon erforderlich sei, zu wissen, dass 2 + 2 = 4 ist. Hier setzt dann das eigentliche Zwiedenken ("Doublethink") ein, da vom linientreuen Parteimitglied verlangt wird, zwischen "zwei Wahrheiten hin- und herzuschalten" (in einem Moment 2 + 2 = 5, im nächsten 2 + 2 = 4), ohne sich dessen bewusst zu sein. Eine objektive Wahrheit außerhalb der Partei gibt es nicht.
Etwaige Ähnlichkeiten mit feministischer Logik und Wahrheit wären rein zufällig.
Die Hasswoche ist eine Propagandaveranstaltung, die dem Hass auf politische und militärische Gegner gewidmet ist. Die kleine Schwester der Hasswoche ist der tägliche Zwei-Minuten-Hass, an dem jeder teilnehmen muss. Gegen seinen Willen kann sich auch Winston gegen die dort erzeugten Hassgefühle nicht wehren.
Kritische Gedanken, so genannte Gedankenverbrechen[4], die die Doktrin des fiktiven Staates Ozeanien in Frage stellen, werden als Staatsverbrechen behandelt. Das erklärte Ziel der herrschenden totalitären Partei ist, durch die Einführung einer neuen Sprache (Neusprech genannt), durch ständige Verfälschung der Geschichte und durch totale Kontrolle und Bedrohung den Bürgern die Möglichkeiten zu entziehen, Gedankenverbrechen zu begehen. Beispielsweise liegt Ozeanien abwechselnd mit Eurasien oder aber mit Ostasien im Krieg, während es mit dem jeweils anderen in Frieden lebt. Wenn Ozeanien mit einem Staat Krieg führt, dann führte es schon immer mit diesem Staat Krieg und wird auch in Zukunft immer mit diesem Staat Krieg führen, während man mit dem anderen Staat immer in Frieden lebte und auch in Zukunft immer in Frieden leben wird. Wer das nicht anerkennt, begeht ein Gedankenverbrechen. Es gilt auch als Verbrechen, nicht den je nach Anlass geforderten freudigen, ernsten oder auch hasserfüllten Gesichtsausdruck zu tragen.
Neusprech
Der Ausdruck Neusprech (englisch: Newspeak, in älteren Versionen als Neusprache übersetzt) bezeichnet eine Sprache, die aus politischen Gründen künstlich modifiziert wurde. Neusprech ist die eingeführte Amtssprache. Neusprech ist in drei Teile gegliedert. Teil A umfasst die Alltagssprache, die von jeder politischen und ideologischen Bedeutung frei sein sollte. Teil B stellt das unabdingbare Minimum des ideologischen und politischen Wortschatzes dar. Teil C ist mit Abstand der umfangreichste und beinhaltet die technischen und wissenschaftlichen Fachausdrücke.
Sie soll nach und nach die Alltagssprache (Altsprech) verdrängen und dient dazu, den Wortschatz zu reduzieren und so abgestuftes und schattiertes Denken zu unterbinden. Das zeigt der Satz "Altdenker unintusfühl Engsoz" im Kommentar der Parteizeitung in Neusprech. Die bestmögliche Übersetzung in Altsprech lautet: "Derjenige, dessen Weltanschauung sich vor der Revolution geformt hat, kann die Prinzipien des Englischen Sozialismus niemals in seiner letzten Tiefe erfühlen und verstehen." Dies wäre aber nur eine unzureichende Übersetzung.
Gab es in Altsprech für jedes Adjektiv noch ein entsprechendes Gegenteil, so wird in Neusprech jedes Gegenteil durch ein vorgestelltes "un" gebildet. So lautet zum Beispiel wie in Esperanto das Gegenteil von gut ungut und von warm unwarm. Steigerungsformen wie besser, am besten und so weiter werden durch plusgut beziehungsweise doppelplusgut ersetzt. Außerdem werden fast alle Unregelmäßigkeiten an die Regeln angeglichen. Längere Bezeichnungen wie "Ministerium für Wahrheit" werden einfach zu Miniwahr verkürzt. Dahinter verblasst auch die ursprüngliche Bedeutung der Worte.
Ein weiteres Mittel sind Euphemismen (Beschönigungen). Die Haft- und Folterlager des Systems heißen Lustlager. Das dahinterstehende Ministerium ist das Ministerium für Liebe. Die politischen Gefangenen sind Gedankenverbrecher. In Parolen der Partei, wie zum Beispiel Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei und Unwissenheit ist Stärke, werden den Wörtern einfach neue Bedeutungen zugewiesen, damit sie nicht gegen die Partei verwendet werden können. Auch haben Wörter je nach Bezug(sperson) andere Bedeutungen, so kann "schwarzweiß", ob benutzt für Parteimitglieder oder -feinde, besondere Parteitreue oder aber Landesverrat bedeuten. Damit unterbindet die Partei von Anfang an, dass ein alternatives System gedacht werden kann. Als Beispiel beschrieb Orwell Kritik am großen Bruder in Neusprech "Der große Bruder ist ungut." Weiter differenzieren oder begründen kann der Sprecher den Sachverhalt nicht. Für ein orthodoxes Parteimitglied ist solches Verbrechendenk oder Deldenk nur ein grober Fluch und für die Partei ungefährlich.
UN, EU und nationale Gesetzgeber schaffen ein Neusprech, welches die Begriffe Eltern, Mutter und Vater nicht mehr kennt.[5]
Zitate
Zitat: «Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten - wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten -, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit. "Wer die Vergangenheit beherrscht", lautete die Parteiparole, "beherrscht die Zukunft; wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit." Und doch hatte sich die Vergangenheit, so wandelbar sie von Natur aus sein mochte, nie gewandelt. Das gegenwärtig Wahre blieb wahr bis in alle Ewigkeit. Es war ganz einfach. Es war nichts weiter nötig als eine nicht abreißende Kette von Siegen über das eigene Gedächtnis. Wirklichkeitskontrolle nannten sie es; in der Neusprache hieß es Zwiedenken.»George Orwell, 1984[12]
Zitat: «Solange wir nicht wissen, worin die Probleme bestehen, solange wir keine Analyse haben, macht es überhaupt keinen Sinn, sie durch die Einführung einer neuen Sprache beseitigen zu wollen.» - HERINGER 1988, 27
Zitat: «Das ist das Geniale an der Volksverdummung. Man braucht keine Sprachpolizei mit Blockwartmentalität, um korrektes Neusprech durchzusetzen, die Leute überwachen sich selbst und brandmarken jeden Abweichler.»[13]
Kritik
In einem irrte der Autor:
- "Der 'Große Bruder' ist in Wirklichkeit eine 'Große Schwester'."
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Aktuelle Beispiele
- Die Präsidentin des österreichischen Nationalrats, Barbara Prammer, hat in einem Interview der Wiener "Presse" für die Ablehnung eines Vorschlags aus den Reihen der ÖVP, der vorsieht, den Bürger über die Verwendung eines Teils seiner Steuerleistungen selbst bestimmen zu lassen, die folgenden, bemerkenswerten Worte gefunden: "Die Freiheit einer demokratischen Gesellschaft ist eine gewisse Unfreiheit." Und sie fährt fort: "Diese gilt für das Individuum, um die Freiheit im Kollektiv zu ermöglichen." Seit Orwells Roman "1984" wurde Doppeldenk nicht in reinerer Form praktiziert. Wir erinnern uns: Wahrheit ist Lüge, Krieg ist Frieden, und so weiter.
- Man darf der wackeren Frau dafür dankbar sein, dass sie so offen ausspricht, was den meisten Mitbürgern, die leider keinen Gedanken an eine kritische Auseinandersetzung mit dem Wesen der modernen Massendemokratie verschwenden, völlig entgeht: "Alle Lebensbereiche mit Demokratie durchfluten" (Bruno Kreisky) oder "Mehr Demokratie wagen" (Willy Brandt) führt am Ende zur totalen Unfreiheit des Einzelnen. Dieser hat, ist erst einmal die totale Demokratie ausgebrochen, gar nichts mehr selbst zu entscheiden. Stattdessen bestimmt das Kollektiv für ihn! Nicht nur, wann, wo, was und wie er arbeitet, sondern auch über Größe, Lage und Beschaffenheit seiner Unterkunft, Menge und Qualität seiner Nahrung und Frequenz des Unterwäschewechsels.[14]
Einzelnachweise
- ↑ George Orwell: "1984", erschienen Juni 1949 PDF
- ↑ Ganz nach dem Slogan der 1968er: "Das Private ist politisch."
- ↑ Ministerium für Wahrheit = Propagandaministerium
- ↑ Gedankenverbrechen = Verstoß gegen die Political correctness
- ↑ Bürokratie: Europarat will "Mutter" und "Vater" abschaffen, Die Welt am 2. September 2010
- ↑ WGvdL-Forum: Mutter und Vater werden abgeschafft, sonnenlilie am 15. Oktober 2011 - 19:46 Uhr
- ↑ Alles Schall und Rauch: Mutter und Vater werden abgeschafft, 14. Oktober 2011
- ↑ Parent One, Parent Two, AchGut am 9. Januar 2011
- ↑ Gender Mainstreaming: USA schaffen Vater und Mutter ab, DeutschlandWoche am 9. Januar 2011
- ↑ Mutter wird amtlich durch "das Elter" ersetzt, Medrum am 4. Juni 2010
- ↑ Schweiz: Abschaffung von Vater und Mutter, Die Freie Welt am 5. Juni 2010
- ↑ "1984", Diana Verlag, 13. Auflage, 1964, S. 112 (PDF, S. 17)
- ↑ WGvdL-Forum: Herde der Lämmer überwacht sich selbst Rainer am 29. September 2011 - 17:27 Uhr
- ↑ Andreas Tögel: Demokratie: Freiheit ist Unfreiheit, ef-magazin am 15. Mai 2012
Weblinks
- 22. Rang ergab am 10.12.2011 die Google-Suche nach "Neusprech" für diesen Artikel.
- Wikipedia führt einen Artikel über Neusprech
- Political Correctness: Neusprech und Gutdenk, Die Zeit am 17. April 2010
- Die politische Korrektheit ist politisch nicht korrekt (Gastkommentar), Die Presse am 9. Juni 2008
- Political Correctness: Was man nicht sagen darf, Die Presse am 1. August 2009
- Neusprech im Überwachungsstaat, 2008
Siehe auch
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Dieser Artikel basiert auf dem Artikel 1984 (Roman) (1. Juni 2011) aus der freien Enzyklopädie Wikipedia. Der Wikipedia-Artikel steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar. |
