Wissenschaft
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Der phänomenale Ruf der Wissenschaften gründet auf den Erfolgen der Naturwissenschaftler seit Isaac Newton. Dieser droht durch die rasante technische Entwicklung und explosionsartige Zunahme des Wissens allerdings selbst zu einem Problem zu werden: Jedes wissenschaftliche Buch ist quasi mit seinem Erscheinen bereits überholt.
Es ist eine oft zitierte Tatsache, dass wissenschaftliche Entwicklungen weit häufiger von den Weltanschauungen und persönlichen Vorlieben der Wissenschaftler abhängen, als dies der Anspruch der Exaktheit, den Akademiker oft für sich beanspruchen, zulassen sollte.
Inhaltsverzeichnis |
Von der Aufklärung zum Zeitgeist
Die Wissenschaften drohen vom Zeitgeist vereinnahmt zu werden: Wissenschaft ist, heute zu sagen, Cola sei schädlich, und morgen, sie sei gesund. Die Heerscharen von Wissenschaftlern wollen ja auch beschäftigt werden, bzw. ihre Forschungsvorhaben finanziert haben. Damit verlieren sie die Unabhängigkeit, die sie auszeichnete, und geraten in Abhängigkeit eines Lobbyismus, was ihrer Objektivität abträglich ist.
Zu Newtons Zeiten standen die Wissenschaften für Aufklärung und kritischer Distanz zur Kirche, die damals führend in der Meinungsbildung war. Heute drohen die Wissenschaften wieder von den meinungsbildenden Kräften vereinnahmt zu werden, denn es ist üblich geworden, mit Auftragswissenschaftler den eigenen wirtschaftlichen, politischen und ideologischen Interessen eine wissenschaftliche Legitimation zu geben.[1]
Es gibt heute keine Politiker mehr, die ihre politische Agenda vorstellen ohne sie mit dem Zitieren irgendwelcher Studien zu untermauern. Die Wissenschaften drohen also, zum Büttel irgendwelcher Interessensgruppen zu werden.
Die Arbeit an der Attrappe
Lange vor den Plagiatsvorwürfen bezüglich der Doktorwürde des Herrn von Guttenberg hat Volker Ladenthin auf ein Problem im Wissenschaftsbetrieb hingewiesen, dass die Gefahr besteht, Wissenschaft durch "Simulation von Wissenschaft" zu verdrängen:
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Der Drang nach Vollständigkeit und optischer Perfektion verführt in Abschlußarbeiten dazu, daß Wissenschaft nur simuliert wird.
Bei der Suche nach Sparmöglichkeiten im Studium faßte man in verschiedenen Kultus- und Wissenschaftsministerien einen tollen Diätplan: Man plante - zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen -, daß die universitären Prüflinge nicht mehr vier Monate an ihren schriftlichen Hausarbeiten basteln mußten, sondern nur noch drei Monate. Mit dieser Maßnahme hoffte man das Studium zu verschlanken und besonders die seit langem zu beobachtende Dickleibigkeit von Abschlußarbeiten zu kurieren. Man sprach von Exemplarität - und meinte damit, daß Prüflinge am Teilgebiet vorführen sollten, was sie grundsätzlich am Ganzen durchführen könnten: die Fähigkeit zum wissenschaftlichen Arbeiten.
Abschlußarbeiten sollten nicht unbedingt einen Beitrag zum wissenschaftlichen Fortschritt liefern. Sie sollten, wie es Prüfungsordnungen juristisch trockengelegt formulieren, 'der Feststellung' dienen, ob die Prüflinge ein Thema 'innerhalb eines bestimmten Zeitraums selbständig wissenschaftlich, gegebenenfalls künstlerisch, bearbeiten können'.
Nicht wissenschaftlicher Ertrag ist also laut Prüfungsordnung das Ziel der Anstrengung, sondern der Beweis, daß man wissenschaftlich tätig sein kann. Die Geprüften sollen nicht wissenschaftlich arbeiten, sondern wissenschaftlich 'bearbeiten'. Die Abschlußarbeit soll - so legen es die Formulierungen nahe - eine Art Showlauf für den anzunehmenden wissenschaftlichen Ernstfall sein.
Kann man Wissenschaft prüfungshalber vorturnen? Die Methoden der Wissenschaft dienen der Erforschung von Neuland, nicht der Nacherzählung oder Aufbereitung von Forschungsberichten. Die Bestimmung, daß eine Abschlußarbeit nicht der Sache, sondern der 'Feststellung' einer Fähigkeit dient, verführt dazu, daß in Abschlußarbeiten Wissenschaft nur simuliert wird: Aus der Gliederung wird dann ein 'Inhaltsverzeichnis', aus der Einleitung ein 'Vorwort'.
Schützte noch vor einigen Jahren die Schreibmaschine mit verschmutzten Typen, verblassendem Farbband und Flatterrand vor optischer Perfektion, so sehen nun schon Examensarbeiten vom computerformatierten Druckbild her so aus, als seien sie in altehrwürdigen wissenschaftlichen Verlagen erschienen. Kopfzeilen und Kolumnentitel erwecken den Eindruck eines Standardwerkes. Zudem kann man durch Wahl von Schriftgröße, Schrifttyp und Seitenformat nahezu jeden Seitenumfang innerhalb der Grenzen bloßer Vernunft künstlich erzeugen.
Schöner Schein
Zu dieser Simulation von Wissenschaft gehört schließlich der Umfang des Literaturverzeichnisses wie der des ganzen Werkes. Seitdem die elektronische Datenverarbeitung Einzug in Bibliotheken gehalten hat, ist es ein Leichtes, nahezu vollständige Bibliographien zu einem noch so entlegenen Thema durch Knöpfchendrücken zu erstellen. Und durch das Einscannen kann man Testpartien leichthändig einarbeiten, die man noch wenige Jahre zuvor von der Photokopie abtippen und noch einige Jahre davor mühselig in der Seminarbibliothek auf Karteikarten 'exzerpieren' mußte. So nehmen Zitate in den Abschlußarbeiten merklich zu. Sie ersetzen die Paraphrase, die mühselige Wiedergabe des Gedankenganges - und schließlich das Denken. Zugleich aber erwecken sie den Anschein von Wissenschaft - denn sie bereichern die Zahl der Fußnoten ebenso wie das Layout einer Seite: Zumeist sind Zitate kursiv gesetzt, von kleinerer Schriftgröße und eingerückt: It's showtime!
Die Umfangsvergrößerung von Examensarbeiten hat aber auch einen prüfungstaktischen Grund: Wer alles bietet, wird sicher jedem Prüfer etwas bieten. Um sich vor möglicher Kritik abzusichern, schreibt man alles hin, was man weiß oder gefunden hat. Eine Auswahl kann man kritisieren - ein vollständiges Angebot nicht. Um den Prüfungsstreß abzubauen, sichern sich viele Examensarbeiter dadurch ab, alles, was auf den Bildschirm oder vor den Scanner kam, einzubringen: Niemanden kann man für Mehrarbeit mit Notenabzug rügen.
Ob durch solchen Drang zu Umfänglichkeit und Vollständigkeit wissenschaftliches Arbeiten demonstriert wird, ist zweifelhaft. Daß Wissenschaft auf diese Weise erfolgreich simuliert werden kann, ist sicher. Dabei gibt es objektive Gründe, die es schwer machen, sich in Abschlußarbeiten kurz zu fassen. Denn selbst altgediente Fachleute klagen über eine Literaturflut, die sie kaum noch ins Gehirn einschleusen und auf die Mühlen des eigenen Denkens fließen lassen können. Es gibt keine seriöse Publikation mehr, die nicht über die 'unübersehbare Literatur' klagt und bekennt, nicht mehr alles, was zum Thema gehört, 'eingesehen zu haben'. Unter diesem Überfluß leiden mehr als die gestandenen Fachwissenschaftler jedoch die Examenskandidaten, die ja die Fachliteratur zumeist erst beim Bearbeiten des Themas sichten - und nicht schon seit Jahren gesichtet und in Dateien übersichtlich gespeichert haben.
Weiße Flecken auf der wissenschaftlichen Landkarte sind nur noch von Spezialisten zu finden. Kaum ein Germanistikstudent wird sich noch an das Motiv des Mondes in der Lyrik, kaum eine Philosophiestudentin an das Erkenntnisproblem, ein Psychologiestudentenpaar an Neurosen, ein Geographiestudent an die Oberrheinische Tiefebene herantrauen. Es scheint alles gesagt. Und so muß man interessante Fragestellungen wie schwarze Schwäne suchen, um zu dokumentieren, daß man das 'Teilgebiet der Vertiefung' (Jargon einer Prüfungsordnung) 'wissenschaftlich bearbeiten' kann. Oft brauchen Examensarbeiten die Hälfte ihres Umfanges, um erst einmal das Problem zu entwickeln, dessen Lösung man dann angehen will.
Verkürzungen der Zeit, in denen man Examensarbeiten abfassen kann, tragen wohl kaum dazu bei, den Umfang von Abschlußarbeiten auf lange Sicht zu verringern. Sie fördern eher die Kreativität derjenigen, die vielleicht in drei Monaten das zusammentragen und vorführen sollen, was man zuvor in vier Monaten gesammelt hat. Solche Beschneidungsversuche tragen zudem dazu bei, daß neue, ungeahnt effektive Textverarbeitungsprogramme entwickelt werden.[2]
Der Niedergang der Wissenschaften
Die Abhängigkeit vom Lobbyismus, was der Wissenschaft in ihrer Objektivität abträglich ist, ist nur ein Teil des Problems, der zum Niedergang der Wissenschaften führt. Sozialdemokratische Reformen des Bildungswesen haben nicht nur zu einer Verzwölffachung der Anzahl der Juristen seit 1950[3], sondern auch zu einer "explosionsartigen" Vermehrung so genannter Wissenschaftler geführt. Akademiker sind schon lange keine Elite mehr. Obschon es eine Elite von Wissenschaftlern gibt, so gesellt sich zu ihnen längst ein Heer von akademischen Proletariern. Und so wie Juristen auf der Suche nach Beschäftigung und Einkommen damit beschäftigt sind, mit dem Familienrecht Familien zu zerstören, so lässt sich auch das akademische Proletariat auf der Suche nach Beschäftigung und Einkommen für allerlei einspannen.
So werden viele das willige Werkzeug der Lobbyisten in Wirtschaft und Politik. Dazu wird im Bestreben, Beschäftigung für Akademiker zu schaffen, neue Pseudowissenschaften erfunden wie Frauenwissenschaft (Women Studies) und Gender-Wissenschaft (Gender Studies). Dort können sich sonst beschäftigungslose Akademiker, vorzugsweise Frauen (Frauenquote), austoben und unter dem Deckmäntelchen der Scheinwissenschaftlichkeit ideologisch geprägte gesellschaftliche Wolkenkuckucksheime ersinnen. Das Kondensat dieser scheinwissenschaftlichen Tätigkeit erreicht die Gesellschaft dann in Form von Gender Mainstreaming, Arbeits-, Frauen- und Familienpolitik. Durchgesetzt wird das Ganze dann durch Gleichstellungsbeauftragte, LehrerInnen in Schulen und ErzieherInnen in Kindertagesstätten.
Das Volk muss das dann schlucken, weil ihm die Suppe vom Staat als "wissenschaftlich" begründet und "erwiesen" vorgesetzt wird.
Drittmittelanträge bei der EU und auch bei DFG haben keine Chance, und seien sie noch so gut, wenn sie nicht mindestens von ebenso viel Frauen wie Männern gestellt werden. Es ist absurd, dass Forschungsanträge nicht mehr nach ihrer inhaltlichen Qualität, sondern fast nur noch danach beurteilt werden, ob mindestens zu gleichen Teilen Männer und Frauen Antragsteller sind.[4]
Vom Wesen der Wissenschaften
Ein zentrales Kriterium der Wissenschaft ist die fachliche Spezialisierung; außerhalb seines Faches kann der Wissenschaftler keine überlegene Kompetenz beanspruchen. Ausgerechnet über diese grundlegende Regel setzen sich Ökonomen gerne hinweg: Sie erteilen weit über die Finanz- und Wirtschaftspolitik hinaus "Lektionen" zu allen drängenden Problemen der Gesellschaft - angefangen beim Bildungswesen über die Migration und Integration von Zuwanderern bis hin zur Familienpolitik.[5]
Zitate
- "Die bürgerliche Wissenschaft wird sich noch mal an der Quantifizierung von Binsenweisheiten zu Tode onanieren." [6]
- "Die Naturwissenschaft ist im Endeffekt nichts anderes, als der Versuch die chaotische Natur mental zu ordnen." [7]
Einzelnachweise
- ↑ "Wissenschaft wird immer häufiger als Medium missbraucht, um die eigene Ideologie zu verbreiten.", Michael Klein: Gewerkschaftliche Irreführung oder wie die GEW versucht, die Realität zu verbiegen, MANNdat am 7. Juni 2011
- ↑ Volker Ladenthin: Die Arbeit an der Attrappe, Süddeutsche Zeitung vom 30. März 1996 (Online)
- ↑ Vgl. DFuiZ: Die Rechtsanwälte
- ↑ Agens: Forschungsanträge scheitern an der Frauenquote!, 15. März 2012
- ↑
Verrat an der Wissenschaft: Kathederpropheten vergreifen sich am Betreuungsgeld - iDAF, Blickpunkt 1/2012 - ↑ MANNdat-Forum: Ist Feminismus die Fortsetzung des Sex mit anderen Mitteln?, Eugen am 6. Januar 2010 - 17:35 Uhr
- ↑ Ethnizität und Physik I, 6. Februar 2012
Siehe auch
Weblinks
- DFuiZ: Die Wissenschaften
- Michael Klein: Europäische Meinungsmacher: Wie man Umfrageforschung für seine Zwecke missbraucht, Cuncti - Haltbar am 7. April 2012
