Demographie

Aus WikiMANNia

Wechseln zu: Navigation, Suche

HauptseiteGesellschaft → Demographie



Die Demographie (auch Demografie, griech. δημογραφία, von δήμος, démos – Volk und γραφή, grafé – Schrift, Beschreibung) bzw. Bevölkerungswissenschaft ist eine wissenschaftliche Disziplin, die sich statistisch mit der Entwicklung von Bevölkerungen und deren Strukturen befasst. Sie untersucht ihre alters- und zahlenmäßige Gliederung, ihre geografische Verteilung sowie die Umwelt- und sozialen Faktoren, die für Veränderungen verantwortlich sind. Die Erforschung der Regelmäßigkeiten und Gesetzmäßigkeiten in Zustand und Entwicklung der Bevölkerung wird vor allem mit Hilfe der Statistik erfasst und gemessen, wofür Beschreibungs- und Erklärungsmodelle entwickelt werden (Wirtschafts- und Bevölkerungsstatistik).

Die Demographie besteht aus vier großen Fachgebieten, nämlich

  • der Theorie der Fertilität (Geburtenzahl),
  • der Theorie der Mortalität (Sterblichkeitsrate),
  • der Theorie der Migration (Aus-, Einwanderung)
  • sowie aus Theorien, die die Struktur des Bevölkerungsbestandes zum Gegenstand haben.

Nach dem NS-Regime fristete die Demographie in Deutschland lange ein Schattendasein, galt die Untersuchung oder gar Beeinflussung reproduktiven Verhaltens doch als moralisch bedenklich.

Erst im Zusammenhang mit der politischen Debatte um die Aufrechterhaltung der Sozialversicherungen kamen auch in Deutschland Debatten über die demographische Entwicklung oder den demographischen Wandel wieder auf. Zum Teil bis heute blieb die Diskussion dabei stark auf Themen der Wirtschaft und Sozialsysteme fixiert. So sprach (und spricht man z. T. bis heute) im Hinblick auf die Altersversorgung vom Problem der Überalterung - wobei objektiv nicht die Existenz älterer Menschen, sondern das Fehlen jüngerer (Unterjüngung) Sorgen bereitet.

Zur Reproduktion einer Bevölkerung mit Sterblichkeitsverhältnissen, wie sie z. B. in Deutschland vorliegen, ist es erforderlich, dass jede Frau im Durchschnitt rund 2,1 Kinder zur Welt bringt. 2005 hatte Deutschland eine zusammengefasste Fruchtbarkeitsziffer von etwa 1,34 Geburten pro Frau. Das bedeutet seit rund 40 Jahren ein Geburtendefizit von einem Drittel des erforderlichen Nachwuches.

Obwohl Demographie ohne Zweifel eines der zentralen Themen unserer Zeit ist. Um so erstaunlicher ist es, ist sie als Fach an den Universtitäten kaum noch existent und erfährt auch sonst eine eher stiefmütterliche Behandlung. Dies beklagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Demographie in einem Interview zur Jahrestagung der Gesellschaft. Dies ist in der Tat eine Frage an die Wissenschaftspolitik: Kann es sich die deutsche Universtitätslandschaft leisten eine derart zentralen Faktor der gesellschaftlichen Entwicklung zu ignorieren?[1]

Inhaltsverzeichnis

So wird es kommen

Ein Informationsplakat aus der Ausstellung "Wunder des Lebens" 1935 in Berlin

1935 hat man die Menschen noch in "Höherwertige" und "Minderwertige" eingeteilt, die Mathematik der demographischen Entwicklung allerdings kennt diese Einteilung nicht und ist für sich genommen vollkommen ideologiefrei. Tatsächlich geht es nicht um "höher-" oder "minderwertig", sondern ganz nüchtern und sachlich um "Kinder" oder "keine Kinder".

"Die Zeit" brachte ein "Demografie-Spezial - Deutschland ohne Kinder?" zu der Frage, warum sich Frauen in Deutschland nicht öfter fürs Kinderkriegen entscheiden. Jede hat einen guten Grund.[2]

Heute könnte ein Untertitel zur demographischen Entwicklung lauten:

"So wird es kommen, wenn Migrantinnen zwei Kinder und deutsche Power-Frauen ein Kind haben."

Die folgenden Grafiken gehen von einer Gesamtbevölkerung von 81,5 Mio. Personen und einem Migrantenanteil von 8,2 % aus. Der Migrantenanteil ist dabei relativ willkürlich gewählt, da einerseits Migranten mit deutscher Staatsangehörigkeit von der Statistik nicht mehr als Ausländer ausgewiesen werden, andererseits sich die Geburtenrate von Migrantinnen tendentiell der Durchschnittsbevölkerung anpasst. Vereinfachend wird hier angenommen, dass Migrantinnen ihr Reproduktionsverhalten nicht ändern. Eine abnehmende Geburtenrate auch bei Migrantinnen würde aber nur noch das Geburtendefizit insgesamt erhöhen. Wenn die Geburtenrate bei Migrantinnen unter die Selbsterhaltungsrate von 2,1 Kinder pro Frau fallen würde, dann wäre Einwanderung kein geeignetes Mittel zum Ausgleich des Geburtendefizits.

In der linken Grafik ist zu sehen, dass unter diesen Annahmen der absolute Bevölkerungsanteil der Migranten nicht wächst. Die relative Abnahme der Deutschen an der Gesamtbevölkerung hat also ausschließlich etwas mit der geringen Kinderzahl deutscher Frauen zu tun. Bei diesem Szenario käme es in rund 200 Jahren zu einer Umkehrung der ursprünglichen Bevölkerungsanteile.

Über "gut" und "schlecht" sagt das zunächst gar nichts aus. Es spielt auch keine Rolle, ob man Power-Frauen nun gut oder schlecht findet und was man über Migrantinnen denkt. Es sollte allerdings erlaubt sein, die Fortpflanzung mit der Selbsterhaltungsrate als natürlich zu bezeichnen. Jede Abweichung von der Selbsterhaltungsrate würde langfristig in die Katastrophe führen, schon eine leichte Abweichung nach oben würde schließlich zur Überbevölkerung führen und eine kleine Abweichung nach unten würde, wenn sie auf Dauer wäre, unausweichlich zum Aussterben der Art führen. Deshalb täuscht auch der Blick in die Kindergärten: Wir haben nicht zuviele Migrantenkinder, sondern zuwenige deutsche Kinder. Wir haben also kein Migrationsproblem, sondern ein selbstgemachtes Problem.

Was hält deutsche Frauen nur davon ab, Kinder zu bekommen. Sind sie zu faul, oder warten sie auf die Quotenregelung, die vorschreibt, dass 50 % der Kinder von Männer geboren werden müssen? Oder sind sie sich zu fein, als dass sie sich mit den Niederungen der Schwangerschaft beschäftigen wollen? Aber vielleicht hält sich die emanzipierte Deutsche ja für so "höherwertig", dass sie die lästige Reproduktionsarbeit an "minderwertige" Ausländerinnen delegiert. Das wäre dann aber eine wirklich rassistische Einstellung.

Es kann auch von einem "demographischen Kolonialismus" gesprochen werden, wenn im "Wettbewerb um die Besten" die Früchte der Erziehungs- und Ausbildungsleistungen anderer Länder ohne Gegenleistungen beansprucht werden.[3]

Religion und Demographie

Seid fruchtbar und mehret Euch! Korrelation zwischen Reproduktion und Religion
In Haushalten mit religiösen Eltern wachsen mehr Kinder auf
Entwicklung der Geburtenrate in islamischen Ländern
Deutschland und seine Muslime
Geburtenrate nach Konfessionen in Österreich 1981-2001

Religiöse Menschen sind weltweit durchschnittlich kinderreicher, d.h. reproduktiv erfolgreicher als ihre säkularen Nachbarn gleicher Schicht.

Michael Blume hat keine Zweifel mehr, dass sich die Evolution von Religiosität und Religionen maßgeblich über Reproduktionsvorteile vollzogen hat - und vollzieht.[4]

Ein wesentlicher Grund dürfte sein, dass gemeinschaftsbezogene Formen von Religiosität weltweit und quer durch alle Weltreligionen über die Entfaltung einer Vielzahl von Familienformen regelmäßig mit einer durchschnittlich höheren Kinderzahl einhergehen. Religionsgemeinschaften, die nicht (oder nicht mehr) erfolgreich transzendent verankerte Gründe für Familien, Kinder vermitteln sowie Bildungs- und Betreuungseinrichtungen errichten, scheinen ihrerseits in diesem Wettbewerb auf Dauer unweigerlich einzugehen. Religiosität ist nicht die einzige Variable menschlichen Familienverhaltens, aber sie ist empirisch nachweisbar wirksam.[5]

Da es in Deutschland seit Jahrzehnten keine ordentliche Volkszählung mit Erhebung der Religionszugehörigkeit gibt, musste ein Vergleich der Schweizer Daten in 2000 zeigen, dass eingebürgerte Musliminnen im Durchschnitt noch weniger Kinder (1,73) als ihre noch ausländischen Glaubensschwestern (2,49) erzogen. Deutschland und Europa werden also "nicht" islamisch, sondern unterteilen sich in kinderarm-alternde, säkulare Schichten und darin kinderreiche "Inseln" christlicher, islamischer, jüdischer und anderer Glaubensgemeinschaften.[6]

Die Schweizer Volkszählung zeigt, dass alle erfassten religiösen Kategorien der Schweiz deutlich mehr Kinder als die Konfessionslosen verzeichnen. Das gilt auch für Gruppen, die mehr Mitglieder mit akademischer Bildung aufweisen (verschiedene christliche Gemeinschaften, Juden), häufiger vom Land in die Stadt gezogen waren (Methodisten, Zeugen Jehovas) oder zu höheren Anteilen aus gebürtigen Schweizern bestehen (Pfingstkirchen, Neupietisten).[7]

Zensus Schweiz (2000)
Religiöse Zugehörigkeit Lebendgeburten pro Frau (Rang) Reproduktiver Vorteil zu "keine Zugehörigkeit"
Hinduistische Vereinigungen1 (Hin) 2,79 (1) +151,4%
Islamische Glaubensgemeinschaft1 (Isl) 2,44 (2) +119,8%
Jüdische Glaubensgemeinschaft (Jüd) 2,06 (3) +85,6%
Übrige protestantische Kirche (ÜpK) 2,04 (4) +83,8%
Neupietistisch-evangelikale Gem. (Npt) 2,02 (5) +82,0%
Pfingstgemeinden (Pfg) 1,96 (6) +76,6%
Evang.-methodistischeKirche (EmK) 1,90 (7) +71,2%
Andere christl. Gemeinschaften (Acg) 1,82 (8) +64,0%
Christlich-orthodoxe Kirchen1 (CoK) 1,62 (9) +45,9%
Übrige Kirchen und Rel.gem.1 (ÜKR) 1,44 (10) +29,7%
Schweiz Gesamt (ScG) 1,43 +28,8%
Buddhistische Vereinigungen1 (Bud) 1,42 (11) +27,9%
Römisch-Katholische Kirche (RkK) 1,41 (12) +27,0%
Neuapostolische Kirche (NaK) 1,39 (13) +25,2%
Evangelisch-Reformierte Kirche (ErK) 1,35 (14) +21,6%
Zeugen Jehovas (ZeJ) 1,24 (15) +11,7%
Christkatholische Kirche (CkK) 1,21 (16) + 9,0%
Keine Zugehörigkeit (KeZ) 1,11 (17) -
Anzahl der durchschnittlichen Lebendgeburten pro Frau nach Religionszugehörigkeit, Schweizer Volkszählung 2000.[8][9]

1 Denominationen, deren Mitglieder (noch) überwiegend aus Immigranten bestehen.

TFR (Total Fertility Rate) by religion (2003)
Religiöse Zugehörigkeit Lebendgeburten pro Frau Reproduktiver Vorteil zu "keine Religion"
Muslims (MUS) 2,84 +71,1%
Hispanic Catholics (CHI) 2,75 +65,7%
Black Protestants (PBL) 2,35 +41,6%
Fundamentalist Protestants excl. Blacks (PFU) 2,13 +28,3%
Non-Hispanic Catholics (CAT) 2,11 +27,1%
U.S. Population Average 2,08 +25,3%
Moderate Protestants excl. Blacks (PMO) 2,01 +21,1%
Liberal Protestants excl. Blacks (PLI) 1,84 +10,8%
Hindus/Buddhists (HBU) 1,73 +4,2%
No religion (NOR) 1,66 -
Others (OTH) 1,64 -1,2%
Jews (JEW) 1,43 -13,8%
Sources: Author' calculations based on GSS 2000-2006 and USCB [10]

Die außerordentlich niedrige Geburtenrate der US-amerikanischen Juden ist sogar unter die Konfessionslosen gefallen. Dagegen wiesen die Juden in der Schweiz die höchsten Geburtenraten einer mehrheitlich inländischen Religionsgemeinschaft auf - obwohl sie auch dort Spitzenanteile an Akademikern, Berufstätigen in leitenden Funktionen und Stadtbewohnern aufwiesen. Des Rätsels Lösung ist die Ausprägung der Flügel: Das US-amerikanische Judentum ist (noch) überwiegend liberal geprägt, das Schweizer Judentum stärker konservativ und orthodox. Allerdings gibt es auch in den USA demografisch wachsende Gemeinden von Orthodoxen und Ultraorthodoxen, so dass dort - wie schon in Israel - mittelfristig von einer Verschiebung der Flügelgewichte auszugehen ist.[10]


Eric Kaufmann weist darauf hin, dass der "Religion-Demographie-Effekt" im Hinblick auf die große Zahl der traditionell-liberalen "moderat Religiösen" unterschätzt werde. Denn diese hätten zwar eine etwas höhere Geburtenrate als die Säkularen (deren Fertilität immer weiter falle), aber viele ihrer Kinder wendeten sich von den "lauen" Glaubensgemeinschaften ab. Entsprechend gliederten sich moderne Gesellschaften zunehmend in

  1. Säkulare Populationen, die zwar immer weniger Kinder bekämen, aber durch die Austritte aus moderaten Glaubensgemeinschaften noch länger bestehen könnten.
  2. Moderat-religiösen Populationen, die zwar im Durchschnitt etwas höhere Geburtenraten verzeichneten, aber hohe Anteile ihrer nachwachsenden Generationen an die Säkularisierung oder konkurrierende Glaubensgemeinschaften verlören.
  3. Fundamentalistisch-religiöse Gemeinschaften, die sich von Säkularen und Moderaten zunehmend abgrenzten und durch hohe Geburtenraten, den Zugewinn Suchender und eine niedrigere Aussteigerquote unmerklich an demografischen und politischem Gewicht gewönnen.

Im Bezug auf die USA arbeitet Kaufmann am Beispiel der Mormonen, die trotz massiven Bildungsaufstiegs einen Geburtenvorteil von ein bis zwei Kindern pro Frau gegenüber der US-amerikanischen Gesamtbevölkerung erhalten haben, die steigende Bedeutung auch kleiner Fertilitätsvorteile heraus. Solange bei einer allgemeinen Geburtenrate von 4 die Gruppe 6 verzeichnet habe, habe der Unterschied 50 % betragen, der durch Migrationsprozesse, Säkularisierung und Assimilation durchaus ausgeglichen worden sei. So sei der Anteil der Mormonen in Utah bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein noch gesunken.

Sinke aber die allgemeine und gruppenbezogene Geburtenrate um je zwei auf dann etwa 2 (USA) und 4 (Mormonen), betrage der Vorteil nun 100 % und wirke stärker als alltägliche Integration und Säkularisierung: Inzwischen sei der Anteil Mormonen in Utah bei über 70 % angelangt und auch angrenzende Kreise anderer US-Staaten verzeichneten zunehmend mormonische Mehrheiten. Frühere Versuche, sich der Ökumene der moderaten Mainstream-Kirchen anzunähern, hätten die Mormonen inzwischen selbstbewusst eingestellt.

Ebenso wachse der Anteil fundamentalistischer Gruppen in der US-Bevölkerung insgesamt, wogegen moderate Religionsgemeinschaften zwischen ihnen und zunehmend aggressiven Säkularen zerrieben würden. In den USA seien die "Culture Wars" mitsamt wechselseitigen Verschwörungstheorien auch wesentlich demografisch bedingt.

In Europa, in dessen Regionen die Geburtenraten flächendeckend unter die Bestandserhaltungsgrenzen gefallen seien und insbesondere bei Konfessionslose weiter falle (auf teilweise weniger als ein (!) Kind pro Frau), wirke dieser Hebel noch stärker - zumal die alternden und schrumpfenden Gesellschaften zunehmend auf Zuwanderer angewiesen seien, die fast nur noch aus religiösen Populationen zu gewinnen seien.

Auch in der islamischen Welt - wie z. B. in der Türkei - befänden sich nationalistisch-säkulare Eliten längst auf dem auch demografischen Rückzug, während sich islamisch-konservative und fundamentalistische Gemeinschaften gegen den allgemeinen Geburtenrückgang stemmten und ihren gesellschaftlichen Einfluss erhöhten.

Die stärksten Daten und Effekte belegte Kaufmann aber mit Bezug auf Israel: Noch bei der Gründung des Staates hätten die Ultraorthodoxen (Haredim = Gottesfürchtige) nur wenige Prozent der Gesamtbevölkerung ausgemacht. Doch mit dem Aufbau eigener Einrichtungen und einer auf zuletzt 7,6 steigenden Geburtenrate bei zunehmender Säkularisierung und rückgehenden Fertilität der israelischen Gesamtgesellschaft wachse ihr Einfluss rapide. Heute gehörten knapp 14 % der israelischen Juden den Ultraorthodoxen an - aber schon mehr als ein Drittel der jüdischen Grundschüler. Längst setzten sie ihre Interessen mit eigenen Parteien durch, beteiligten sich am Siedlungsbau in palästinensischen Gebieten und drängten Andersdenkende aus zunehmend orthodox geprägten Stadtteilen. Und auch in der Diaspora schrumpften "moderate" (liberale und konservative) jüdische Gemeinden u.a. durch Säkularisierung, Kindermangel und Mischehen, wogegen die Orthodoxen massiv wüchsen. Um die Mitte des 21. Jahrhunderts werde das Judentum in Israel und weiten Teilen der Welt mehrheitlich orthodox und ultraorthodox geprägt sein.[11]

Deutschland

Zitate

Renate Schmidt
Die Frage, ob die Deutschen aussterben, ist mir verhältnismäßig wurscht."[12]
Eva Herman
Wir [Deutschen] sterben aus. Wir kriegen doch die demographische Kurve gar nicht mehr.
Johann Baptist Kerner (als Antwort)
Naja - dann gibt es ein paar mehr Chinesen - also insgesamt, was die Weltbevölkerung angeht, mache ich mir um das Aussterben [der Deutschen] nicht allzu viele Gedanken.[13]

Geburtenrate Gesamtdeutschland

In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war das reale Pro-Kopf-Einkommen in der früheren Bundesrepublik weniger als halb so hoch wie am Ende des 20. Jahrhunderts, aber die Geburtenrate hatte dennoch im statistischen Durchschnitt mit 2,5 Lebendgeborenen pro Frau ein doppelt so hohes Niveau wie heute. In den anderen hochentwickelten Industrieländern verlief die Entwicklung ähnlich. So sank zum Beispiel die Geburtenzahl pro Frau in den USA vom Zeitraum 1960-1965 bis zum Zeitraum 1995-2000 von 3,3 auf 2,1 Lebendgeborene pro Frau, in Japan von 2,0 auf 1,4 und in Westeuropa von 2,7 auf 1,5.[14]

Demographisch-ökonomisches Paradoxon
Je rascher die sozio-ökonomische Entwicklung eines Landes voranschritt und je höher der Lebensstandard stieg, desto niedriger war die Geburtenrate, gemessen durch die Zahl der Lebendgeborenen pro Frau.
Der Grund dafür ist: Je höher das Pro-Kopf-Einkommen, desto stärker wirken sich die "Opportunitätskosten" von Kindern aus und drücken so die Geburtenrate.

Die Geburtenrate beträgt bei der deutschen Bevölkerung zwar wie in Spanien und Italien etwa 1,2 Geburten pro Frau, bei der zugewanderten rund 1,9 und im Durchschnitt, ähnlich wie in anderen Ländern, 1,3 bis 1,4 Geburten.[15]

Die "säkulare Nachwuchsbeschränkung" (Hans Linde) vollzog sich seit über einhundert Jahren parallel zur Industrialisierung: Beim Frauenjahrgang 1860 kamen im Durchschnitt fünf Kinder auf eine Frau, beim Jahrgang 1874 vier und bei den 1881 Geborenen drei. Bereits der Jahrgang 1904 hatte nur zwei. Abweichend von diesem Trend stieg die durchschnittliche Kinderzahl der um 1932 Geborenen auf knapp über zwei an, aber es blieb bei dieser Ausnahme, danach setzte sich die Talfahrt bis zum Jahrgang 1965 auf 1,5 fort. Die hohen Kinderzahlen der um 1932 geborenen Eltern bildeten den "Nachkriegs-Babyboom" mit dem Geburtenmaximum von 1964 bei 1,36 Millionen Kindern. Da die Verhaltensweisen und Wertvorstellungen der um 1932 Geborenen teilweise in der Epoche vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs geprägt wurden, muss der Nachkriegs-Babyboom auch als ein Phänomen der Vorkriegsepoche interpretiert werden.[15]

Kinderzahl pro Frau
Jahrgang Anteil der Kinderlosen alle Frauen eines Jahrgangs Teilgruppe mit Kindern
1940 10,6% 1,97 2,17
1945 13,0% 1,78 2,04
1950 15,8% 1,70 2,03
1955 21,9% 1,61 2,07
1960 26,0% 1,57 2,13
1965 32,1% 1,48 2,18
1 Herwig Birg/E.-Jürgen Flöthmann: Entwicklung der Familienstrukturen und ihre Auswirkungen auf die Belastungs- bzw. Transferquotienten zwischen den Generationen. Forschungsbericht im Auftrag der Enquete-Kommission "Demographischer Wandel" des Deutschen Bundestages, IBS-Materialien, Bd. 38, Universität Bielefeld 1996, Tabelle 4, S. 35[16]
Fertilitätsrate (Kinderzahl pro Frau)
Lebendgeborene Deutsche Ausländer
  Westdeutschland 1,3 1,9
  Mitteldeutschland 0,9 1,1
  gesamtdeutsche Tendenz 1,25 1,64
TFR 1998 [16]

Geschätzte Bevölkerungsentwicklung in Deutschland bis 2050:

Bevölkerungsentwicklung der unter 20-Jährigen [16]
in Mio. 1998 2030 2050
  Deutsche 15,6   8,7 6,0
  Zugewanderte   2,0   3,2 3,7
  Insgesamt 17,6 11,9 9,7
Bevölkerungsentwicklung der Lebendgeborenen [16]
in Tsd. 1998 2030 2050
  Deutsche 685 373 260
  Zugewanderte 100 159 178
  Insgesamt 785 532 438

Die Zahl der Kinder ist in Deutschland seit 2000 um 2,1 Millionen gesunken. Nach den Ergebnissen des Mikrozensus lebten im Jahr 2010 rund 13,1 Millionen minderjährige Kinder in Deutschlands Haushalten. Vor zehn Jahren lag sie bei 15,2 Millionen. In Westdeutschland ist die Zahl der Kinder zwischen 2000 und 2010 um etwa 10 % auf 11,0 Millionen Kinder gesunken, in Ostdeutschland leben im Jahr 2010 knapp 29 % weniger Kinder als zehn Jahre zuvor.[17]

Entwicklung in Mitteldeutschland

In Sachsen nur noch halb so viele Kinder wie 1990

In den vergangenen 20 Jahren hat sich in Sachsen die Zahl der Kinder unter 15 Jahren nahezu halbiert. Lebten Ende 1990 noch 885.462 Kinder im Freistaat, so waren es Ende vergangenen Jahres nur noch 476.168, wie das Statistische Landesamt am Montag in Kamenz mitteilte.

79 Prozent der Kinder wuchsen der Statistik nach bei Paaren auf, von denen mehr als zwei Drittel miteinander verheiratet waren. 21 Prozent der Kinder wurden von ihren alleinerziehenden Müttern oder Vätern betreut. Im März 2010 wurden in 2.734 Kindertageseinrichtungen 252.858 Kinder betreut. Von den ein- bis unter dreijährigen Kindern besuchten 55 Prozent eine Kita, bei den drei- bis unter sechsjährigen Kindern waren es sogar 95 Prozent.

Ende vergangenen Jahres lebten der Statistik zufolge 103.799 unter 15-Jährige in so genannten Bedarfsgemeinschaften, die auf Hartz IV-Leistungen angewiesen waren. Das waren 4.458 Kinder weniger als 2009. Auch der Anteil der betroffenen Kinder wies mit 21,8 Prozent erneut einen leichten Rückgang gegenüber dem Vorjahr (23,3 Prozent) auf. Die Zahl der Scheidungskinder sank 2010 um 226 oder 4,5 Prozent auf 4.769, damit waren damit bei 45 Prozent der geschiedenen Ehen auch minderjährige Kinder betroffen.[18]

Zahl der Neu-Azubis in Thüringen erneut gesunken

Die Zahl der Lehrverträge ist in Thüringen im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen. 2010 sank die Zahl der jungen Menschen, die eine Ausbildung begannen, zum vierten Mal in Folge auf 12.309, wie das Statistische Landesamt am Dienstag in Erfurt mitteilte. Das waren 10,2 Prozent weniger als 2009. Vor zehn Jahren lag die Zahl der Neu-Azubis demnach noch bei etwas über 20.000. Der Trend ist in nahezu allen Branchen rückläufig.[19]

Problemdiskussion

Entwicklung der Weltbevölkerung

Seit Jahrhunderten wird das Thema "Weltbevölkerung" unter dem Schlagwort der Wachstumsbeschleunigung diskutiert. Die erste Milliarde wurde um 1805, die zweite um 1926/27 und die dritte 1960 erreicht. Für die vierte, fünfte und sechste Milliarde stehen die Jahre 1974, 1987 und 1999.[15]

Deutschland hat einen Anteil von 1,4 Prozent an der Weltbevölkerung. Selbst wenn Deutschland überhaupt keine Einwohner mehr hätte, läge die Änderung der Weltbevölkerungszahl im Fehlerspielraum der Weltbevölkerungsprognosen. Das Verschwinden Deutschlands würde rein numerisch nicht einmal auffallen. Der Bevölkerungszuwachs allein in Indien ist in jedem Jahr so groß wie sämtliche Geburtendefizite Deutschlands in vier Jahrzehnten zusammen.[3]

Die Kraft der Exponentialfunktion

Geht man einfachheitshalber davon aus, dass Bevölkerungszahlen bei einer Fertilitätsrate von 2,1 (= durchschnittlich 2,1 Kinder pro Frau) stabil bleiben und nimmt eine Generationendauer von 30 Jahren an, dann folgt aus den getroffenen Annahmen, dass sich die Weltbevölkerung seit 2.000 Jahren durchschnittlich mit einer Fertilitätsrate von 2,22 vermehrt hat. Also mit einer Fertilitätsrate etwas größer als bestandserhaltend. Das wirkt im ersten Moment überraschend, denn 2,22 ist ja gar nicht so viel mehr als 2,1, und trotzdem ist der Effekt gewaltig.[20] Das zeigt die ganze Kraft der Exponentialfunktion, die der Bevölkerungsentwicklung zugrunde liegt und die den Menschen deshalb nicht bewusst wird, wie sie meist nur 2-3 Generationen erleben. Ebenso fatal ist auch eine Fertilitätsrate knapp unterhalb der Bestandserhaltung.

Wenn sich die Erdbevölkerung die nächsten 2.000 Jahre mit einer Fertilitätsrate von 1,67 fortpflanzen würde, dann würde sie bei einer Generationendauer von 30 Jahren bis zum Jahr 4000 auf ca. 1.500 Menschen schrumpfen. Noch einmal in Worten und zum Mitschreiben: Eintausendfünfhundert! Würde sich die Weltbevölkerung, wie die Deutschen, sich nur mit einer Fertilitätsrate von ca. 1,4 fortpflanzen, dann verbleiben im Jahr 4000 noch genau Null Menschen übrig. Ausgestorben nennt man das.[20]

Dauerhaft überbestandserhaltende Fertilitätsraten führen zu exponentiellem Bevölkerungswachstum, nichtbestands­erhaltende Werte zu exponentieller Bevölkerungsschrumpfung, in beiden Fällen also langfristig zur Katastrophe.[20]

Einwanderung als neue Art des Kolonialismus

Die meisten Menschen sind einfach schon zu klug, um noch die Bedeutung der simplen Wahrheit erfassen zu können: Für Menschen gibt es keinen Ersatz. Auch die Einwanderer Deutschlands müssen zuerst irgendwo geboren worden sein, bevor sie zuwandern und hier Probleme lösen können.

Dass unser Land glaubt, seine Zukunft darauf bauen zu können, dass es die von anderen Ländern mit Kosten und Mühen gewonnenen Früchte erntet, darüber gibt es hierzulande nicht die geringste öffentliche Reflexion. Wir sehen uns im Wettbewerb um "die Besten" der anderen Länder und verstehen nicht, dass wir mit unseren Ansprüchen eine neue Art des Kolonialismus betreiben.[15]

Josef Schmid:

Man nähert sich der Geburtenfrage und Immigration nur mit politisch korrekter Verrenkung. Familie wird in veralteter Manier als Konsumeinheit gesehen und nicht als Hervorbringer der Leistungsträger von morgen. Die liberale Gesellschaft hat einen Konstruktionsfehler: sie rechnet zwar in ihrem Bildungsprogramm für Humankapital und Wirtschaftsleistung fest mit Nachwuchs, überlässt seine Hervorbringung aber dem Einzelnen, seinen privaten Lebensplänen, seiner Lust und Laune.[21]

Die Trägheit demographischer Prozesse

Der wichtigste und schwerwiegendste Irrtum über die Natur der demographischen Veränderungen ist der Glaube, dass uns ein rascher Wiederanstieg der Geburtenrate auf 1,6, 1,8 oder zwei Kinder pro Frau vor dem Schlimmsten bewahren könnte. Aber es ist dreißig Jahre nach zwölf, heute kann selbst ein Anstieg der Geburtenrate auf die ideale Zahl von zwei Kindern je Frau die Alterung für Jahrzehnte nicht mehr abwenden. Dass es ein demographisches Momentum mit irreversiblen Folgen gibt, ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis der Demographie. Wenn ein demographischer Prozeß ein Vierteljahrhundert in die falsche Richtung läuft, dauert es ein Dreivierteljahrhundert, um ihn zu stoppen.

Die langen Bremswege in der Demographie sind bekannt, seit die Demographie im achtzehnten Jahrhundert als Wissenschaft begründet wurde. Was Deutschland erwartet, haben Wissenschaftler in unzähligen Artikeln, Büchern und Kongressen seit Jahrzehnten einer desinteressierten Öffentlichkeit mitzuteilen versucht. Die vielzitierte Bringschuld der Wissenschaft wurde von der Politik nicht angenommen, auch die Medien brachten das vorhandene Wissen nicht unter die Leute.[15]


Wer den Trend zumindest so lange umkehren möchte, bis die deutsche Bevölkerung wieder einen Generationenersatz aufweist, müssten auf 100 Deutsche statt wie bisher 140 Kinder etwas über 200 Kinder kommen. Das hätte zur Folge, dass die freiwillige Kinderlosigkeit praktisch verschwindet und sich nur bei zehn Prozent der Paare findet, während heute 26 Prozent der 40jährigen Frauen keine Kinder haben. Weiterhin müssten ein Drittel aller Paare zu einem dritten und gelegentlich vierten Kind bereit sein. 15 Prozent sind das heute und es dürften die meisten von ihnen dem außereuropäischen Kulturkreis angehören. Die Bevölkerung in Deutschland wird also nicht mehr schrumpfen, wenn sich die Paare dauerhaft zur Zwei-Kinder-Familie entschließen. Um aus dem Geborenendefizit des vergangenen Vierteljahrhunderts herauszukommen, braucht es 50 Jahre. Erst dann hätte sich die deutsche Wohnbevölkerung bei rund 70 Millionen stabilisiert. (...) Würde Deutschland das demographische Stabilisierungswerk praktisch-politisch umsetzen wollen, würde das nicht nur eine Umleitung von Ressourcen für die jungen Familien und Erziehungseinrichtungen erfordern, es käme vielmehr einer Kulturrevolution gleich. Spätheirat, einst nur beim Bildungsbürgertum üblich, ist allgemein geworden. Junggesellentum, Kinderlosigkeit, Scheidungsbereitschaft waren bei der "Bohême" und in Künstlerkreisen nichts Besonderes. Nun haben sich die einzelnen "Spielarten" der Partnerschaft über die ganze Gesellschaft verteilt und bringen dorthin den Wechsel, wo Dauerhaftigkeit verlangt wäre wie in der Kindererziehung.

Es wird häufig der Fehler begangen, dieses Auseinanderstreben der Lebensform als individuelles Lustverhalten, als Hedonismus zu deuten. Es zeigen sich darin die Zwänge der gegenwärtigen flexiblen Arbeitsformen und unsteten Arbeitsmarktchancen, die wahrgenommen werden müssen. Zudem ist das weibliche Geschlecht in allen Bildungsstufen vertreten und muss einiges daransetzen, dass sich die Bildungsinvestitionen in entsprechenden Berufspositionen amortisieren. Das steckt vielfach hinter der Floskel vom "eigenständigen weiblichen Lebenszusammenhang". Er wird gerne als Ergebnis von Freiheit serviert, dabei stecken Etablierungszwänge in einem schwierigen Arbeitsmarkt und die allmähliche Trennung des Frauenlebens von der traditionellen Witwenpension dahinter.

Es ist durchaus offen, ob diese Entwicklung des Arbeitsbereichs und die zunehmende Finanznot der sozialen Sicherungssysteme zu einem weiteren Hinausschieben oder Vereiteln der Familienbildung führen wird oder ob angesichts der neuen Knappheiten und Zwänge zur Selbstsorge die Familie wieder zur Einrichtung wird, die lebenserleichternd wirkt und persönliche Investition lohnt.[22]

Selbsthass: Nie wieder Deutschland!

Der deutsche Selbsthass hat in den letzten Jahrzehnten eine Diskussion über dieses Problem verhindert, weil, wer es aufgriff, sofort beschuldigt wurde, klassische Bevölkerungspolitik zu betreiben. Wir müssen nun erkennen, daß der Autonomen-Satz "Nie wieder Deutschland!" auf unheimliche Weise vollstreckt werden könnte. "Von Kindern profitieren in unserer Gesellschaft nur die, die sie nicht haben." Und damit ist ein Prinzip unseres politischen Diskurses benannt.[23]

Demographische Implosion

  1. Die Bevölkerungsabnahme zeigt eine Beschleunigung im Verlauf des Prognosezeitraums und damit den untrüglichen Hinweis auf eine demographische Implosion: Geburtenrückgang ist zugleich Rückgang der Mütterbasis der kommenden Generation. Folgt diese nun dem gleichen "generativen Verhalten" mit 1,3 oder 1,4 Kindern, die eine weitere Elterngeneration nur noch zu zwei Dritteln ersetzen, dann ist das Schwinden des angestammten Staatsvolks zwar für den einzelnen nicht zu erleben, aber berechenbare Tatsache.
  2. Die fortgesetzte Bevölkerungsabnahme aufgrund fehlenden Nachwuchses von einem Drittel unter Ersatzniveau entwickelt eine Sogwirkung abwärts, die auch mit einem noch höheren Zuwanderungssaldo von etwa 300.000 nicht aufzuhalten wäre. Sodann bleibt festzuhalten:
a) Zuwanderer können nur integrierbare und mindestqualifizierte jüngere Menschen sein und das würde aber bedeuten, dass sie sich auch hinsichtlich der Kinderzahlen dem Aufnahmeland anpassen werden und als erwachsene "Quereinsteiger" nach gut 30 Jahren schon ins Rentenalter eintreten.
b) Eine Zuwanderung, welche die demographische Implosion und zusätzlich den Alterungsprozess auszugleichen imstande wäre, würde ein Ausmaß erreichen, das jenseits aller Vorstellungskraft liegt. Von 3,5 Millionen Menschen jährlich ist in einer Zielprojektion der Vereinten Nationen vom Frühjahr dieses Jahres die Rede. Nachdem solche Menschenmassen kaum auf den Weg nach Mitteleuropa gebracht und auch nur aus kulturfernen Räumen Zentralasiens und Afrikas abgezogen werden könnten, ist diese Projektion eher ein Anschauungsunterricht über den Ernst der Lage und der Tatsache, dass gegen die Tendenzen demographischer Implosion in Mittel- und Südeuropa (...) noch kein Rezept gefunden wurde.

Deutschland befindet sich also in einem demographischen Dilemma, wofür es bis heute keine Steuerungsziele, geschweige denn Steuerungsinstrumente besitzt. Das Geburtenniveau wird mit Zeitgeist, modernem Lebenszuschnitt und Plazierungszwängen in neuen Ökonomien und Arbeitsmärkten begründet, die eine stabile Zweierbeziehung mit zwei Kindern im Durchschnitt der Bevölkerung geradezu verunmöglichen.

Einwanderung ist nur sozial- und kulturverträglich denkbar, - und wird unter der Vorgabe einer Einwanderungsgesetzgebung nur Arbeitsmarktlücken schließen können. Sie wäre als quantitative Füllmenge von Einbuchtungen der Alterspyramide politisch nicht durchzusetzen, wirtschaftspolitisch fragwürdig und integrationspolitisch sogar gefährlich.

Ein langfristig sinnvolles Ziel wäre die Stabilisierung der aktiven Bevölkerung zwischen 20 und 60, des "Erwerbspotentials". Dies würde jedoch eine jährliche Zuwanderung von ca. 400.000 jüngeren, leistungsbereiten Menschen erfordern, die im Weltmaßstab beschafft werden müssten. Nachdem die Sozialkosten der Einwanderung sehr hoch sind, drängt sich die Überlegung auf, ob nicht wenigstens die Hälfte dieses Menschenmangels über geburtenfördernde Familienpolitik zu beheben wäre. Damit verbindet sich zwar - gegenüber einem raschen Menschenimport - eine Zeitverzögerung, doch dürften enorme Einwanderungskosten ohne gleichzeitige Familienförderung im Lande sozial- und innenpolitisch kaum zu legitimieren sein.[24]

Kinderzahl und Berufstätigkeit der Eltern

Kinder und Anzahl erwerbstätiger Eltern 2000 und 2010

Der Rückgang der Kinderzahl betrifft nicht alle gesellschaftlichen Schichten in gleicher Weise. Während die Anzahl der Kinder, die mit zwei erwerbstätigen Elternteilen aufwachsen bzw. bei denen mindestens ein Elternteil (in der Regel ihr Vater) einer geregelten Arbeit nachgeht, im Vergleich der beiden Jahre zurückgeht, ist die Anzahl der Kinder, die mit nicht-erwerbstätigen Eltern konfrontiert sind, gestiegen. In Zahlen: 7.878.000 minderjährigen Kindern mit zwei erwerbstätigen Eltern im Jahre 2000 stehen 6.871.000 minderjährige Kinder mit zwei erwerbstätigen Eltern im Jahre 2010 gegenüber, 5.721.000 minderjährigen Kinder, die in 2000 mit mindestens einem Elternteil, das einer Arbeit nachgegangen ist, konfrontiert waren, stehen 4.110.000 minderjährige Kinder mit einem erwerbstätigen Elternteil im Jahre 2010 gegenüber. Dagegen ist die Anzahl der Kinder, die mit keinem arbeitenden Elternteil konfrontiert sind, von 1.593.000 im Jahre 2000 auf 2.088.000 im Jahre 2010 gestiegen.

Veränderung des Kinderanteils in Abhängigkeit von der Erwerbssituation - Vergleich 2000 mit 2010

Eltern, die keiner Erwerbstätigkeit nachgehen, aber Kinder in die Welt setzen, haben im Vergleich der beiden Jahre 2000 und 2010 um 31 % zugenommen. Die Kausalität zeigt sich daran, dass die Steigerungsrate bei nicht-erwerbstätigen Eltern von Kindern, die das dritte Lebensjahr noch nicht erreicht haben, mit 33,7 % höher ist als die entsprechende Steigerungsrate für nicht-erwerbstätige Eltern mit minderjährigen Kindern. Die Anzahl von Kindern mit nicht-erwerbstätigen Eltern nimmt als zu. Zudem ist die Arbeitslosenquote der beiden Jahre 2000 und 2010 wie ein Blick in die Daten der OECD zeigt, nahezu unverändert geblieben (7,4 % in 2000, 7,6 % in 2010), so dass auch die Annahme, die Anzahl der Eltern die (beide) bei Geburt eines Kindes arbeitslos werden, sei zwischen 2000 und 2010 gestiegen, einer empirischen Basis entbehrt.

Nicht-Erwerbstätige haben in Deutschland einen Anreiz, Kinder in die Welt zu setzen. Dies scheint auch die Tatsache zu belegen, dass der Anteil derjenigen Eltern, deren Haupteinkommen aus staatlichen Transferleistungen besteht, ein Wachstum von 24 % (bei minderjährigen Kindern) bzw. von 30 % (bei Kindern unter 3 Jahren) aufweist.

Die Daten des Statistischen Bundesamts legen den Schluss nahe, dass auf der gesamt-gesellschaftlichen Ebene, der Versuch, die Bevölkerung durch staatliche Alimentierung zur erhöhten Nachwuchsproduktion anzuhalten, gescheitert ist. Für Bevölkerungsgruppen, die sich Kinder ausschließlich aufgrund staatlicher Transferleistungen leisten können, stellen die staatliche Transferleistungen wegen Kinderbesitz einen Einkommenszugewinn dar.[25]

Zitate

  • "Ich für meinen Teil finde es interessant, dass dieselben Leute, die in den sechziger und siebziger Jahren die traditionellen Familienstrukturen in westlichen Ländern aufbrachen, die Menschen vor den Gefahren der Überbevölkerung warnten und den Leuten erzählten, sie sollen ihre Geburtenraten verringern, ein paar Jahre später daherkommen und sagen, dass wir Millionen von Einwanderern importieren müssen, weil wir so geringe Geburtenraten haben." - Fjordman[26]
  • "Einer der gesicherten Erkenntnisse aus der Migrationsforschung zufolge pflegt sich auch die Kinderzahl den in der Umgebung vorherrschenden Verhältnissen anzupassen, nicht zuletzt dem nach dem herrschenden Niveau von Bildung und sozialer Absicherung." - Mathias Rohe[27]

Einzelnachweise

  1. Wir brauchen Demografie-Lehrstühle - Interview mit Prof. Tilman Mayer, Freie Welt am 21. März 2012
  2. Demografie-Spezial: Jede hat einen guten Grund, Die Zeit am 9. Juni 2008
  3. 3,0 3,1 Demographie: Unser Verschwinden würde gar nicht auffallen, 28. Juni 2006 (Vierzehn Richtigstellungen von dreizehn Legenden über die demographische Entwicklung Deutschlands.) (PDF)
  4. Michael Blume: Der reproduktive Vorteil von Religion(en) - Die Datenquellen, 8. Juli 2007
  5. Michael Blume: Religion und Demografie, 5. Mai 2009
  6. Michael Blume: Werden Deutschland, Europa islamisch? Haben Muslime grundsätzlich mehr Kinder?, 4. Januar 2010
  7. Michael Blume: Die (kluge?) Gretchenfrage, 7. Januar 2007
  8. Zahlenmaterial: Eidgenössische Volkszählung 2000 - Religionslandschaft in der Schweiz - Bundesamt für Statistik, 2004 (132 Seiten)
  9. Aufgearbeitet in: Evolutionsgeschichte der Religion - Glauben stärkt Kooperation und Reproduktion - Michael Blume, in: Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte Bd. 29, 2008 (S. 30)
  10. 10,0 10,1 Michael Blume: USA-Studie zu Religionen und Reproduktionserfolg, 1. Juni 2010
  11. Demografie, Religion und Fundamentalismus. Shall the Religious inherit the Earth? von Eric Kaufmann, 4. April 2010
  12. Renate Schmidt am 14. März 1987 im Bayerischen Rundfunk
  13. Der Eklat bei Johannes B. Kerner - "Johannes B. Kerner und Eva Herman", Teil 1, 2, 3, 4, 5, 6 (9. Oktober 2007)
  14. Herwig Birg: Ergebnisse international vergleichender Forschung, Informationen zur politischen Bildung (Heft 282)
  15. 15,0 15,1 15,2 15,3 15,4 Herwig Birg: Grundkurs Demographie in 10 Lektionen
  16. 16,0 16,1 16,2 16,3 Auswirkungen und Kosten der Zuwanderung nach Deutschland - Herwig Birg, Dezember 2001 (56 Seiten)
  17. Statistisches Bundesamt: Pressemitteilung Nr. 285 vom 03.08.2011
  18. In Sachsen nur noch halb so viele Kinder wie 1990, dapd am 19. September 2011
  19. Zahl der Neu-Azubis erneut gesunken, dapd am 20. September 2011
  20. 20,0 20,1 20,2 Peter Mersch: Bevölkerungsplanung. Warum die Menschheit sie braucht., 7. Juli 2011
  21. Josef Schmid: Die Jugendlücke bleibt: Anmerkungen zur Demografie in Deutschland, Deutschlandradio Kultur am 31. August 2011
  22. Josef Schmid: Das demographische Dilemma Deutschlands - In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31. Mai 2000
  23. Grundkurs für Staatsbürger: Dreißig Jahre nach zwölf, FAZ am 28. April 2005
  24. Josef Schmid: Die demographische Lage Deutschlands - Gegenwart und vorhersehbare Zukunft - In: Wirtschaftsdienst (Zeitschrift für Wirtschaftspolitik), Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA), 80. Jahrg., September 2000 (S. 523-526)
  25. Ein Dokument vollständig gescheiterter Politik, Scienefiles am 4. August 2011
  26. Fjordman: Der Aufstieg der Glossokratie, 29. Januar 2007
    The Rise of Glossocracy; Original vom 29. Januar 2007 in Gates of Vienna
  27. Mathias Rohe: Der Islam - Alltagskonflikte und Lösungen, Herder 2001, ISBN 3-451-04942-2, S. 70

Siehe auch

Weblinks

Dieser Artikel befindet sich in einer Auszeichnungskandidatur und wird neu bewertet, beteilige dich an der Diskussion!
Persönliche Werkzeuge